Mittwoch, 27. November 2013 - 07:00 Uhr

Tierversuche für Lavera und Co.: Das Dilemma etablierter Marken in China

Kategorie: Tierversuche

Eine Maus im Käfig, Foto von Ärzte gegen Tierversuche e.V.

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Es ist offiziell: Der Naturkosmetikhersteller Logocos, verantwortlich für Marken wie Santé und Logona, zieht sich zum 01.12.2013 aus dem chinesischen Markt zurück, da man die dortige Tierversuchspolitik für nicht hinnehmbar erklärt hat. Dies ist insbesondere in Hinblick auf diverse weitere dort vertretene europäische Firmen wie Laverana (Lavera) interessant, welche nach wie vor behaupten, es gäbe keine Erkenntnisse über Tierversuche ihrer Produkte in China – Aussagen, die mit dem Rückzug von Logocos hinfällig werden. Ebenso interessant ist diese Entwicklung für Menschen, die tierversuchsgeprüfte Kosmetika ablehnen. Die Hintergründe sind komplex.

Jede Chemikalie, mit der wir in Kontakt kommen, wurde zu irgendeinem Zeitpunkt getestet. Allerdings existieren diverse Produkte, die auf vor Jahrzehnten ausgetesteten Rohstoffen basieren oder auf solchen, die in tierversuchsfreien Alternativverfahren überprüft wurden, etwa mit freiwilligen Probanden. Trotz der seit März gültigen EU-Richtlinie sind die bei uns erhältlichen Kosmetikprodukte nicht pauschal tierversuchsfrei. Mittlerweile stellt sich zudem eine ganz neue Problematik und viele als tierversuchsfrei etablierte Firmen geraten in den Fokus: haben nach China expandierte Konzerne wie Laverana und Logocos Tierversuche für ihre Produkte durchführen lassen, um einen neuen Markt zu erschließen?

Die Situation in China

Im Juni diesen Jahres erschien auf dem bekanntesten veganen Kosmetik-Blog im deutschsprachigen Raum der Artikel „Die China-Konsequenz“, in welchem die Blogbetreiberin Erbse erläutert, weshalb sie Firmen wie Laverana und Logocos nicht mehr als tierversuchsfrei listet. Diese zuvor tierversuchsfreien Naturkosmetikfirmen verkaufen ihre Produkte mittlerweile in China, und um auf dem chinesischen Markt vertreiben zu dürfen, seien Tests der auf anderen Märkten bereits etablierten Produkte notwendig. Die Bloggerin setzte die ihr bekannten betroffenen Unternehmen auf die rote Liste: „Es fiel zwar im ersten Moment schwer, aber für mich ist ganz klar, dass ich diese Firmen im Moment nicht mehr unterstützen kann“, berichtet sie von ihrer Reaktion. „Ob nun durch den Kauf von deren Produkten oder durch Werbung beziehungsweise Kooperationen auf meinem Blog. Die Liste der für mich vertretbaren Marken wird stets geringer.“ Der Aufschrei ließ im Anschluss auf sich warten, was vermutlich vor allem daraus resultierte, dass viele Verbraucherinnen und Verbraucher bis dato nichts von der Tierversuchsproblematik in China wissen oder nicht wissen wollen. „Ich habe mich mit vielen Menschen darüber unterhalten“, berichtet Erbse von den Reaktionen in ihrem Umfeld, „und ganz häufig hörte ich Sätze wie China ist so weit weg, Hauptsache sie machen keine Tierversuche in Europa, noch besser als viele andere Konzerne und Ähnliches. Natürlich sind etablierte Naturkosmetikfirmen mit höheren Standards mit Sicherheit ein kleineres Übel im Vergleich zu Großkonzernen, die auf Ethik pfeifen.“ Sie habe Verständnis für derlei Reaktionen: „Denn es wird ansonsten unbequem. Als richtig empfinde ich das persönlich aber natürlich nicht.“

Die mangelnden oder abweisenden Reaktionen und eine gewisse Verwirrung rühren vermutlich zudem daher, dass kaum Informationen verfügbar sind. Aus welchen Quellen stammen sie? Sind die Tests möglicherweise gar nicht pauschal vorgeschrieben, wie die betroffenen Firmen es in ihren offiziellen Statements und in sozialen Netzwerken behaupten?

De facto ist die Tierversuchsproblematik, die mit einer Expansion auf den chinesischen Markt einhergeht, bereits seit 2012 bekannt. Die Ärzte gegen Tierversuche schrieben damals:

In China werden immer noch Tierversuche durchgeführt, die in anderen Ländern längst verboten sind. Die chinesische Regierung akzeptiert keine tierversuchsfreien Testmethoden, die in der EU und anderswo anerkannt sind, und lässt nicht nur altbewährte Inhaltsstoffe, sondern selbst Kosmetik-Fertigprodukte noch mal an Tieren testen.

Sind diese Informationen noch aktuell? „Zurzeit werden von China nach wie vor Tierversuche für kosmetische Fertigprodukte verlangt“, erläutert die stellvertretende Vorsitzende der Ärzte gegen Tierversuche, Frau Dr. Gericke, die gegenwärtige Lage in China. „Für Rohstoffe werden allerdings mittlerweile die OECD-Richtlinien anerkannt, die zumindest teilweise tierversuchsfreie Verfahren vorgeben.“ Ist es möglich, die Tierversuche in China zu umgehen? „Unserem Kenntnisstand nach kann es keine Firma vermeiden, dass ihre Produkte bei Einfuhr in chinesischen Auftragslabors getestet werden.“

Logocos schreibt im offiziellen Statement vom Mai 2013:

Die Logocos Naturkosmetik GmbH (…) hat Tierversuche von Anbeginn (…) immer abgelehnt und solche folglich weder in Auftrag gegeben noch jemals in Auftrag geben lassen.

Und Laverana erläutert auf Nachfrage:

Lavera führt weder beim fertigen Produkt noch bei den Rohstoffen Tierversuche durch, noch geben wir welche in Auftrag.

Die Behauptung der Firmen, sie würden keine Versuche in Auftrag geben, ist indirekt korrekt, denn laut Dr. Gericke lässt die chinesische Regierung die Versuche durchführen, nicht die Firmen selbst. Der Auftrag könnte von den durch die Firmen beauftragten Distributoren vor Ort erfolgen. Mit der Expansion auf den dortigen Markt ist ein Einverständnis mit diesen Tests allerdings Voraussetzung.

Logocos schreibt im oben genannten Statement:

Alle unsere Kosmetikprodukte werden in Deutschland vor Markteinführung von unabhängigen Instituten wissenschaftlich (…) mit Hilfe freiwilliger Testpersonen überprüft. Diese Tests sind gut dokumentiert und wären für den chinesischen Markt völlig ausreichend.

Auch Laverana verfährt ähnlich:

Wir arbeiten seit Gründung der Laverana (...) mit unabhängigen Testinstituten zusammen und testen unsere Kosmetik nur an freiwilligen Probanden.

Diese Tests an freiwilligen Probanden sind für die Expansion auf den chinesischen Markt laut Dr. Gericke allerdings völlig irrelevant. „Selbstverständlich sind die in Europa angewandten tierversuchsfreien Verfahren ausreichend“, erläutert sie. „Allerdings vertraut die chinesische Regierung nur chinesischen Labors und Resultaten und lässt daher unabhängig von europäischen Tests Tierversuche durchführen. Alles, was ins Land kommt, wird erneut geprüft.“ Wer diese Tierversuche finanziert, wird in einer News von PETA deutlich:

Wie sich herausstellte, hatten chinesische Behörden unter anderem von den Kosmetikherstellern Avon, Estée Lauder und Mary Kay verlangt, für Tests an Tieren zu bezahlen, um ihre Produkte in China vermarkten zu dürfen.

Mit ihren Informationen beziehen sich die Ärzte gegen Tierversuche auf Aussagen ihrer Partnerorganisation Cruelty Free International (CFI), bekannt für das Label Leaping Bunny, welches Tierversuchsfreiheit auszeichnet. Die Ärzte gegen Tierversuche und CFI betreiben gemeinsam in China Lobbyarbeit, um dort tierversuchsfreie Methoden zu etablieren.

Bei CFI bestätigt man auf Nachfrage die Aussagen, Tierversuche wären nach wie vor in China Pflicht:

Chinese law requires all finished cosmetic (...) products sold into China to be tested on animals first. Thus it is clear that companies which export personal care products to sell on the Chinese market are unable to operate without testing on animals (even though it may be done through agents without their knowledge). (…) The information that tests are always required comes from the 1989 Chinese regulations, which are still in force, and was confirmed in discussions by our Director of Policy, Dr Palmer, with Chinese scientists and regulators, most recently at a conference in Shanghai this month.

Die Aktualität dieser Informationen bestätigt das CFI-China Position Update aus dem September 2013. In dem Dokument beschreibt CFI nicht nur den Kampf für tierversuchsfreie Alternativverfahren, sondern auch den aktuellen Stand vor Ort:

The People’s Republic of China remains the one country where animal testing for cosmetics – now banned in Europe and increasingly rare elsewhere - is virtually always required. Any new product must be submitted for testing to the authorities, who will normally use a range of animal tests. For this reason, although companies that sell in China may still say that they do not conduct any animal testing, in reality they are causing animal tests to happen.

Damit bestätigt sich die wichtigste Aussage aus dem Artikel des Kosmetikblogs: Endprodukte werden für den Vertrieb in China nach wie vor getestet, vollkommen unabhängig von tierversuchsfreien Alternativverfahren in Europa und den USA.

Wie kann es sein, dass einige Kosmetikfirmen noch immer davon sprechen, die Tests wären zwar möglich, allerdings nicht zwingende Voraussetzung für den Vertrieb in China?

Laverana schreibt dazu:

Die Gesetzestexte lassen Tierversuche zu. Aber es gibt keine Bestätigung für die Durchführung von Tierversuchen in China.

Ist es möglich, in China zu verkaufen, ohne die Rahmenbedingungen zu kennen? Laut Nachfrage bei CFI kann das tatsächlich der Fall sein:

It is difficult to speculate whether companies were fully-informed. The process is that samples are submitted to the authorities, who undertake the testing themselves (always with animals). If a company used a local agent, it's possible to imagine that the agent did not advise them what this would mean. In some cases, companies may have deliberately chosen not to make enquiries, for fear of getting an unwelcome answer; in others, they may genuinely have been unaware of the problem.

Dass es möglich ist, erst im Nachhinein von den Tests zu erfahren, zeigt das Beispiel von Weleda, deren zuständige Agentur vor Ort mehrere Tests an Tieren in Auftrag gab, von denen Weleda nach eigenen Angaben erst im Anschluss erfuhr und sich daraus resultierend aus dem Markt zurückzog. Auch Logocos erfuhr nach eigenen Angaben erst nach ihrer Expansion von den Tierversuchen, zunächst als mögliche, dann als verpflichtende Maßnahme der Behörden.

Trotz der zum Teil undurchsichtigen Arbeit der chinesischen Distributoren, die sich vor Ort um die Produkte kümmern, fasst Cruelty Free International bezüglich der expandierenden Firmen zusammen:

However, they should be quite clear now that permission to sell in China invariably requires animal testing.

Die Konsequenzen in Europa

Viele Produkte, deren Hersteller nun auch in China vertreiben, werden von veganen Händlern verkauft. Sie tragen die Veganblume oder andere Zertifizierungen, die Tierversuchsfreiheit voraussetzen. Was bedeuten die Tierversuche in China für die Konsumentinnen und Konsumenten in Europa? Es ist nicht nachvollziehbar, welche Produkte der betroffenen Firmen auch in China erhältlich und somit tierversuchsgetestet sind. Die Santé-B12-Zahnpasta ist gemäß eines Statements des Vebu, der das Produkt mit dem V-Label zertifiziert hat, zu keinem Zeitpunkt in China erhältlich gewesen, bei den meisten Produkten ist es nicht bekannt. Die beiden veganen Läden in Hamburg, Veganz und bevegend, teilen auf Nachfrage mit, dass sie daher sämtliche Produkte der betreffenden Firmen aufgrund der Tierversuchsproblematik in China nicht mehr anbieten werden und sich im Abverkauf befinden. Auch der bekannte Online-Shop Vegan Wonderland wird sein Sortiment entsprechend der aktuellen Lage konsequent umstellen, Roots of Compassion will ebenfalls keine Lavera-Zahnpasta mehr anbieten.

Verlieren betroffene Produkte ihre Siegel?

Die Vegan Society, welche die Veganblume zertifiziert, äußert sich nicht deutlich und zum Teil sogar widersprüchlich zu dem Thema, ob man in Zukunft noch in China erhältliche Produkte labeln will oder darauf verzichtet. Einerseits heißt es, es würden nicht genügend Informationen bezüglich China vorliegen.

Andererseits existieren auch Mails mit anderen Aussagen:

When we learn that a certified company is potentially selling their products in China, we first contact them to confirm this information. If they are in fact selling in China and cannot provide proof of an official exemption from China's animal testing policies, we remove them from our list.

Kurioserweise werden als Beispiele für Firmen, die von der besagten Liste entfernt wurden, auch einige Konzerne genannt, die China wegen der Tierversuche bereits verlassen haben. Dies lässt an der Sorgfalt und Seriosität bezüglich der Veganblume im kosmetischen Bereich zweifeln. Die für den deutschsprachigen Raum zuständige Vegane Gesellschaft Österreich kann keine Auskunft geben.


Auch das etablierte BDIH-Siegel, welches Naturkosmetika kennzeichnet, setzt Tierversuchsfreiheit voraus. Am 10.12.2013 veröffentlichten der BDIH und die IONC eine Pressemitteilung, in der sie Position beziehen und die Hersteller von nach China exportierter Kosmetik darüber informieren, dass damit die
Konformität mit dem BDIH-Standard gefährdet wird:

Mit ihrer Information an die Hersteller weisen BDIH und IONC auf das Ergebnis umfangreicher Recherchen hin, wonach trotz laufender Bestrebungen zur Berücksichtigung alternativer Testmethoden in der Volksrepublik China in der Regel bei der staatlichen Registrierung von kosmetischen Mitteln Tierversuche im Rahmen der Sicherheitsprüfung durchgeführt werden.

Auf der BDIH-Website werden Händler zudem darauf hingewiesen, dass auch Tierversuche als solche gewertet werden, die von Distributoren oder Agenturen vor Ort in Auftrag gegeben werden. Damit geraten Firmen, die nach wie vor darauf beharren, dass sie selbst keine Versuche in Auftrag geben würden, massiv unter Druck.

Einziges Schlupfloch für betroffene Firmen: wenn bis zum 15.01.2014 belegt wird, dass alle Maßnahmen ergriffen wurden, um die Vermarktung in China unverzüglich einzustellen, dürfen sie ihr Zertifikat behalten. Ob diese dann bereits getesteten Produkte aus ethischer Sicht noch vertretbar sind, steht auf einem anderen Blatt.

Dass man die Richtlinien problemlos anpassen kann, zeigt auch Cruelty Free International mit dem Leaping Bunny. Im CFI-China Position Update vom September 2013 heißt es:

Accordingly, the Leaping Bunny certification is currently only given to companies who have made the decision (…) not to enter the Chinese market while it would cause tests on animals. Companies who remain committed to sell their products in China have been removed from the list until such time as they reconsider or testing on animals is no longer required.

Dieser Problematik müssen sich derzeit sämtliche Naturkosmetikzertifizierer stellen. Auch wenn der Begriff „Naturkosmetik“ nicht einheitlich definiert, geht jedes der Label mit Tierversuchsfreiheit einher. Die Zertifizierung der Produkte ist für die Hersteller mehr als ein bunter Aufkleber auf der Verpackung: die Alnatura-Biosupermärkte werden künftig gemäß einer Sortimentsrichtlinie des Bundesverbandes Naturkost Naturwaren (BNN) ausschließlich zertifizierte Naturkosmetika anbieten. Auf der Alnatura-Website heißt es zudem:

Eine weitere Sicherheit für den Verbraucher bietet echte Naturkosmetik hinsichtlich des Tierschutzes: Es werden weder Stoffe von toten Wirbeltieren eingesetzt, noch Tierversuche mit den Produkten durchgeführt.

Verlören die in China erhältlichen Produkte konsequenterweise aufgrund der Tierversuche ihre Naturkosmetikzertifizierungen in Europa, müssten sie der Sortimentsrichtlinie entsprechend bei Alnatura und allen Läden, die der Richtlinie folgen, ausgelistet werden. Ob es soweit kommt, ist allerdings mehr als fraglich, da sich vermutlich genügend Lücken in den Richtlinien zur Zertifizierung finden und diverse Zertifikate zur Auswahl stehen. Bloggerin Erbse geht nicht davon aus, dass die betroffenen Produkte ihre Labels verlieren: „Dahinter steckt eine Lobby und viele Naturkosmetikfirmen sind Mitbegründer der Zertifizierungen.“ Am NaTrue-Siegel, die sich auf Nachfrage nicht äußerten, sind unter anderem Laverana und Logocos beteiligt. Das NaTrue-Siegel ist ausreichend, um bei Alnatura gelistet zu bleiben.

Konzerne auf dem Rückzug

Logocos, deren Santé-B12-Zahnpasta besonders bei Veganerinnen und Veganern beliebt ist, liefert in Anbetracht der Umstände seit Anfang Dezember keine Waren mehr nach China und erklärt den Entschluss des Firmeninhabers in einer Pressemitteilung vom 27.11.13:

Nachdem ihm persönlich bekannt geworden war, dass zur Registrierung von Kosmetikprodukten in China trotz anderslautender Äußerungen tatsächlich Tierversuche verlangt werden, hat Ulrich Grieshaber schnell reagiert. (…) Logocos hat nach Wegen gesucht, auf die Behörden in der Volksrepublik China positiven Einfluss zu nehmen und die Umstellung auf alternative Testmethoden erwirken zu können. Heute ist klar, dass ein erhofftes, tierversuchsfreies Verfahren zur Überprüfung von Kosmetikprodukten auch in absehbarer Zeit in China nicht eingeführt wird.

Die Fima zieht die Konsequenzen und erklärt den Rückzug für unumgänglich:

Wenn Tierrechte so verletzt werden, wie es offenbar noch immer in China der Fall ist, gibt es für uns keine Alternative, als uns konsequent aus diesem Markt zurückzuziehen.

Desweiteren kündigt die Firma eine enge Zusammenarbeit mit PETA an. Gemeinsam wollen sie sich für den Rückzug weiterer Firmen einsetzen, um zusammen politischen Druck auszuüben. Bloggerin Erbse hat bereits reagiert und Logocos wieder auf die grüne Liste gesetzt. Ob die noch in China aktiven Firmen in Anbetracht des Rückzugs von Logocos weiterhin behaupten werden, Tierversuche wären in China nicht verpflichtend, bleibt abzuwarten – der Konzern hätte kaum auf die Profite in China verzichtet, wenn die Versuche keine Realität wären.

Logocos ist nicht die erste Firma, die sich in Anbetracht der Tierversuchsproblematik vor Ort vom chinesischen Markt verabschiedet, allerdings die erste Naturkosmetik-Firma aus Europa mit der Option darauf, eine echte Massendynamik auszulösen. Das US-Unternehmen Paul Mitchell ist ein weiterer Konzern, der sich komplett aus China zurückzog und dafür den Courage in Commerce-Award von PETA verliehen bekam. Auch Pangea Organics, eine US-Naturkosmetikfirma, erklärte im Februar diesen Jahres, man wolle sich aufgrund der Tierversuchsproblematik aus China zurückziehen, ebenso Urban Decay. Dort sah man aufgrund massiver Proteste der Stammkundschaft von einer Zukunft in China ab. Allerdings gehört Urban Decay mittlerweile zu LÒréal, die wiederum mit Tierversuchen in Verbindung gebracht werden.

Marken wie Lush, für die eine Expansion auf den chinesischen Markt aufgrund der Tierversuche zu keinem Zeitpunkt infrage kam, weisen gerne auf diesen Umstand hin:

Whenever we open up in a new world market, consumers greet our products with enthusiasm, so it is a great shame that at the moment LUSH is unable to bring gorgeous, safe and cruelty-free beauty products to China. The Be Cruelty-Free campaign is achieving great change in many countries, so we are excited to be here for its launch in China and we look forward to the day when Chinese consumers can have access to cosmetics products that are not tested on animals.

Lush war die Tierversuchsproblematik vor Ort offensichtlich von Anfang an deutlich – weshalb die Erkenntnis anderen Firmen lange Zeit abging und, wie im Falle von Laverana, nach wie vor abgeht, nachdem sich mittlerweile bereits einige Konzerne vom chinesischen Markt zurückgezogen haben, bleibt undurchsichtig.

Zukunftaussichten: China tierversuchsfrei?

Im Mai 2012 schrieb PETA:

Die offizielle Zulassung der landesweit ersten tierfreien Testmethode für kosmetische Inhaltsstoffe im Reich der Mitte steht kurz bevor.

Ein Jahr später, im März 2013, stand die Zulassung gemäß PETA allerdings noch immer kurz bevor. Wie die Ärzte gegen Tierversuche und Cruelty Free International bemüht sich auch PETA intensiv darum, in China die tierversuchsfreien Alternativerfahren zu etablieren. Nachdem die Tierrechtsorganisation Kenntnis davon erlangte, dass Revlon, Estée Lauder und andere nach China expandierte Firmen Tierversuche durch chinesische Labors bezahlen mussten, schickte man Forscher in das Reich der Mitte, die dort moderne InVitro-Methoden bewarben und Behörden ihre Unterstützung anboten.

China demnächst tierversuchsfrei? Bei den Ärzten gegen Tierversuche ist man trotz der Bemühungen diverser Organisationen vor Ort nicht so optimistisch wie PETA: „Es wird sicher noch mehrere Jahre dauern, bis keine Kosmetik-Tierversuche mehr in China vorgeschrieben sind“, dämpft Dr. Gericke falsche Hoffnungen. Auch Logocos geht nicht von einer „absehbaren Zeit“ aus. Mittlerweile entspannt sich die Situation in China immerhin ein wenig in Bezug auf die dort produzierten Kosmetika: „Ab Juni 2014 sollen Tierversuche zumindest für manche in China hergestellten Produkte wie Shampoos, Hautpflegeprodukte oder Parfüms nicht mehr zwingend vorgeschrieben sein“, berichteten die Ärzte gegen Tierversuche am 12. November. „Vielmehr soll es der Kosmetikindustrie ermöglicht werden, die Inhaltstoffe ihrer Produkte auf Basis eines toxikologischen Profils zu bewerten, ähnlich wie dies in der EU geregelt ist.“ Möglicherweise wirkt sich diese Änderung auch positiv auf die aus dem Ausland eingeführten Produkte aus: „Abhängig von den Erfahrungen erwägt die Behörde für den Import von Kosmetikprodukten dann weitere Schritte.“ Hier darf dementsprechend auf eine positive Entwicklung gehofft werden.

Was Konsumentinnen und Konsumenten tun können

„Hinsetzen, ruhig ein- und ausatmen. Einen Tee trinken“, rät Bloggerin Erbse als Erste Hilfe für geschockte Verbraucherinnen und Verbraucher. „Danach informieren, informieren, informieren. Und vielleicht so manches Produkt gegen etwas Selbstgemachtes oder durch eine Alternative von einem kleinen, eigenständigen Unternehmen ersetzen.“ Wer Wert auf konsequent tierversuchsfreie Produkte legt, findet auf den Listen des HCS, des Tierschutzbundes oder auf Erbses Blog geeignete Kosmetikanbieter, die nicht in China verkaufen. Die Beispiele um Paul Mitchell, Urban Decay und ganz aktuell Logocos haben deutlich gemacht, dass die Kritik der Verbraucherinnen und Verbraucher durchaus gehört wird und einen Einfluss darauf haben kann, wie sich die Firmen entscheiden: gegen die Tests an zahllosen Tieren, die in unnötigen, unsicheren und veralteten Tests gequält werden sowie für die Kundinnen und Kunden, die Wert auf tierversuchsfreie Produkte legen – oder für den chinesischen Markt. Die Motivation, auch den Menschen in China Naturkosmetik anbieten zu wollen, kann schwerlich kritisiert werden. Die Entscheidung, dafür Tierversuche durchführen zu lassen, kann es durchaus. Dieser Preis ist für verantwortungsvolle Firmen zu hoch.

Update vom 15.12.2013: Laverana gibt nach

Zwei Wochen nach dem Rückzug von Logocos und vier Tage nach der Drohung des BDIH, das Siegel für betroffene Produkte zu entziehen, ist Laverana mittlerweile eingeknickt und wird China verlassen. Firmen wie Annemarie Börlind behaupten weiterhin, die Tests wären keine Pflicht.






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