So gelingt der Umstieg

Du würdest gerne vegan leben, weißt aber nicht so recht, wie du es angehen sollst? Hier bekommst du ein paar Hinweise, die dir den Umstieg auf eine tier- und menschenfreundliche Lebensweise erleichtern sollen. 

Nicht überfordern lassen!

Das Wichtigste ist, keine Angst vor dem Schritt zum Veganismus zu haben. Es ist noch kein perfekter Veganer vom Himmel gefallen und die Befürchtung, vielleicht nicht durchzuhalten oder Fehler zu machen, ist kein Grund, es nicht zu probieren. Wenn du dich informierst, was Tierprodukte für fühlende Lebewesen bedeuten und was du alles in Zukunft konsumieren kannst, wirst du es schaffen. Veganismus bedeutet keinen Verzicht, sondern lediglich eine Umstellung!

100% vegan?

Zunächst solltest du dir bewusst machen, dass es bei einer veganen Lebensweise um vermeidbares Leid geht. Eine 100% vegane Lebensweise ist nicht möglich, auch TierrechtlerInnen atmen beim Fahrradfahren manchmal Insekten ein. Und auch die meisten vegan lebenden Menschen greifen bei schweren Erkrankungen  auf Medikamente zurück. Eine vegane Lebensweise bedeutet, dass du, soweit es dir in deinem Rahmen möglich ist, Rücksicht auf andere Lebewesen und somit deine Umwelt nimmst. Nicht mehr und nicht weniger. Niemand schreibt dir vor, wo du deine Grenze ziehst, und du solltest nicht verzweifeln, wenn dir einige Dinge nicht sofort gelingen. Perfektionismus strebt jeder gerne an, allerdings kann er aufgrund externer Gegebenheiten in unserer Gesellschaft nicht erreicht werden und sollte kein Grund sein, von einer weitestgehend veganen Lebensweise abzusehen. Du kannst einen Unterschied machen, indem du mit deinem Konsum, deiner Nachfrage tierleidfreie Produkte förderst, dein Umfeld aufklärst und dich vielleicht sogar für Tierrechte engagierst. Ghandi hat gesagt „Sei du der Unterschied, den du in der Welt sehen möchtest.“ Geh es ruhig an, informiere dich im Internet oder mithilfe von Büchern, such dir Hilfe, wenn du Fragen hast, und gehe den Schritt. Es liegt in deiner Hand.

Der Anfang

Ernährungsumstellung

Am einfachsten ist es, in deiner Küche zu beginnen. Vermutlich hast du noch tierische Produkte in deinem Kühlschrank oder deiner Vorratskammer. Nicht immer sind sie offensichtlich zu entdecken, denn es gibt viele versteckte Zusätze in Lebensmitteln, wo du es vielleicht nicht erwartet hättest. Lade dir eine E-Nummern-Liste aus dem Internet herunter und lies dir die Inhaltsstoffe durch. Nicht jeder Zusatz ist deklarierungspflichtig und wenn du dir unsicher bist, setze das Lebensmittel erst einmal auf eine rote Liste. Tierische Bestandteile, die im Herstellungsprozess verwendet werden und faktisch nicht im Endprodukt enthalten sind, finden keine Erwähnung auf der Verpackung! Da hilft nur die Internet-Recherche, z.B. bei Wein, Essig und Fruchtsaft. Verschenke die Lebensmittel, bei denen du dir unsicher bist oder die definitiv unvegan sind, und überlege dir dann, gegen welche tierleidfreien Produkte du sie austauschen kannst.

Lebensmittel austauschen

In (unvollständigen) Rezeptdatenbanken wie Rezeptefuchs findest du zum Beispiel viele Alternativen zu tierischen Lebensmitteln. Für den Kuhmilchjoghurt kannst du dir im Supermarkt oder Bioladen Sojajoghurt kaufen, für Sahne Soja-, Hafer- oder Dinkelsahne (ebenfalls in vielen Supermärkten, Drogerien oder Bioläden). Veganen Käse erhälst du in vielen Edeka-Märkten, teilweise bei Kaufland, in Reformhäusern, dem Internet oder mit Glück hast du einen rein veganen Lebensmittelladen in der Stadt (siehe Happycow). Für Kuhmilch locken zahlreiche Alternativen zum Beispiel Soja-, Hafer-, Dinkel-, Haselnuss-, Reis- oder Mandelmilch. Sojamilch und Reismilch findest du in jedem Supermarkt, die anderen Sorten eher in Bioläden. Es macht, genau wie beim Käse, durchaus Sinn, sich durch diverse Sorten zu probieren, da viele Hersteller eher gewöhnungsbedürftige Produkte anbieten. Die beliebteste Sojamilch – gekühlt oder ungekühlt - stammt vom Hersteller „Alpro“ und es gibt sie sogar recht bezahlbar in einigen Penny-Märkten zu kaufen. Vegane Milchprodukte sind übrigens teurer als unvegane, da sie nicht durch Subventionen gesponsert werden und 19% Mehrwertsteuer fällig werden, allerdings bezahlst du für pflanzliche „Fleisch“produkte deutlich weniger. Die gibt es mittlerweile in jedem Discounter. Achtung: manchmal ist in Fleischalternativen Ei enthalten und „rein pflanzlich“ bezieht sich lediglich auf die Inhaltsstoffe, nicht auf die in der Herstellung eingesetzten Mittel. Warum man sich als vegan lebender Mensch überhaupt Fleisch- oder Milchalternativen kaufen sollte? Weil es schmeckt, niemandem schadet und Veganismus keine Askese bedeutet!

Geduld in der Gewöhnungsphase

Keine Sorge: nach einer Weile hast du dich in das Thema hineingefuchst und kaufst in derselben Geschwindigkeit ein wie zuvor. Lediglich in den ersten Wochen wirst du dich eine Menge mit Zutatenlisten beschäftigen, diverse Produkte im Internet recherchieren und dann für die von dir verwendeten Lebensmittel vegane Äquivalente gefunden haben, die dann routiniert in den Einkaufskorb wandern. Keine Sorge: beinahe jedes Lebensmittel lässt sich austauschen, und wenn du in einer großen Stadt lebst, musst du nichts davon im Internet bestellen. Wenn du dir helfen lassen willst, kannst du einen sogenannten Vegan Buddy kontaktieren. Der Buddy trifft sich mit dir und ihr geht in deinen bevorzugten Lebensmittelläden einkaufen. Du wirst überrascht sein, wie viele vegane Produkte dir der Guide aus den Regalen ziehen wird, die dir vielleicht sonst erst nach Wochen aufgefallen wären. Der Guide hilft dir gerne bei sämtlichen Fragen und manche bieten sogar die Möglichkeit an, mir dir zu kochen oder Probleme in deinem Umfeld zu besprechen.

Keine Angst vor Missgeschicken

Übrigens: Fehler passieren auch erfahrenen VeganerInnen. Das hat zum einen mit der Politik der Lebensmittelkonzerne zu tun, die sich teilweise gerne bedeckt halten, was ihre Produkte angeht, zum Anderen werden auch manchmal Rezepturen spontan geändert. Ein Beispiel dafür wäre Ritter Sport Pfefferminz, die auf einmal Butterreinfett enthielt und enthält. Wenn du feststellst, dass du ein unveganes Produkt gekauft oder schon konsumiert hast: verschenke den Rest und mach es beim nächsten Mal besser. Du wirst mit der Zeit immer erfahrener im Erkennen potentieller Fallen sein.

Über den Tellerrand schauen

Bekleidung

Wenn du dich mit deiner Küche auseinandergesetzt hast, schau dir deinen Kleider- und Schuhschrank an. Trägst du Lederprodukte wie Stiefel oder Jacken? Pullover aus Wolle, Schals aus Seide? Entweder, du trägst diese Produkte bis zur Ausmusterung, oder du tauschst, verschenkst oder verkaufst sie. Das handhabt jeder unterschiedlich. Hier findest Du eine Übersicht veganer Bezugsquellen für Schuhe und Klamotten. Bedenke: auch für diese Produkte sind Tiere gestorben. Das macht dir das Ausmustern leichter. Leder ist kein Nebenprodukt, sondern eine fest einkalkulierte Größe beim Gewinn. Für Seide sterben Raupen. Für Wolle leiden Schafe, vor allem, wenn sie aus Australien importiert wurde.

Umstieg auf vegane, tierversuchsfreie Kosmetik

Als nächstes kontrolliere deine Kosmetikprodukte. Oft beinhalten sie Inhaltsstoffe tierischer Herkunft, was häufig nur durch Internetrecherchen erörtert werden kann. Das können Fischschuppen in Nagellack, tierisches Kreatin in Kuren, Perlen im Shampoo oder Milch im Duschgel sein. Viele vegane Produkte sind mittlerweile als solche gekennzeichnet  und daher stellt der Austausch auf tierleidfreie Kosmetika kein Problem dar. Vegan gekennzeichnete Produkte schließen auch Tierversuche aus. Es existieren allerdings auch vegane, nicht gekennzeichnete Kosmetika, denen die Zertifizierung zu kostspielig ist, die aber dennoch für vegan lebende Menschen geeignet sind. Hierbei sollte sehr genau darauf geachtet werden, ob die Produkte auch tierversuchsfrei sind. Anfragen an die Hersteller sollten mit äußerster Vorsicht genossen werden, da es hier auf die exakte Formulierung ankommt und gerne mal behauptet wird, man sei tierversuchsfrei - in Wahrheit werden aber nach wie vor Rohstoffe zum Beispiel im Ausland für diese Produkte getestet.

Jede Chemikalie, mit der du in Kontakt kommst, ist irgendwann einmal im Tierversuch getestet worden. Es gibt allerdings Firmen, die auf Stoffe zurückgreifen, die vor zwanzig, dreißig Jahren getestet wurden und keine neu erforschten Stoffe einsetzen. Vollkommen tierversuchsfrei ist somit kein einziges Kosmetikprodukt. Aber es gibt Hersteller, die nach wie vor auf der Jagd nach immer neuen Produkten Tiere qualvoll sterben lassen. Und es gibt Hersteller, die nur die bereits bekannten Stoffe nutzen. Das Thema Tierversuche ist etwas komplizierter, da es zum Beispiel Firmen gibt, die selber tierversuchsfrei sind, aber zu einem Konzern gehören, welcher Tierversuche (gerne im Fremdauftrag für eine scheinbar weiße Weste) durchführen lässt. Der Body Shop ist so ein Beispiel, denn die Firma gehört zu L`Oreal. Ob das für dich in Ordnung ist, musst du selbst entscheiden: einerseits unterstützt du die tierversuchsfreie Sparte, wenn du zum Body Shop gehst, andererseits fließt das Geld an den Mutterkonzern, der nach wie vor für Tierversuche verantwortlich ist.

Ein ganz neues Problem stellen die derzeit beliebten Expansionen nach China dar: um dort Kosmetikprodukte anbieten zu können, werden selbige zunächst von Gesetzes wegen unumgänglich durch die chinesischen Behörden im Tierversuch getestet, auch wenn die Hersteller gerne etwas anderes behaupten - wir haben dieses Thema in einem Artikel ausführlich beleuchtet. Viele vegane Läden bieten Produkte von Firmen, die nach China verkaufen, mittlerweile nicht mehr an. Hierbei muss man bezüglich der Siegelung äußerst vorsichtig sein: die Veganblume befindet sich zum Teil auch auf Produkten, die in China erhältlich und somit nicht mehr vegan sind. Allerdings fährt die Vegan Society, die für die Veganblume verantwortlich ist, noch keine klare Linie, was diese Thematik betrifft, und äußert sich auch nach diversen Anfragen nicht deutlich, ob auch in Zukunft Produkte in Europa gelabelt werden sollen, die neuerdings in China getestet wurden.

Dies sind einige Beispiele, die verdeutlichen, dass jede/r seine Grenze finden muss, was noch in Ordnung ist und was nicht, welche Produkte im Einkaufskorb landen und welche man stehenlässt, um Tierausbeutung zu boykottieren.

Im Internet findest du diverse Positiv-Listen verschiedener Organisationen mit unterschiedlichen Kriterien, die tierversuchsfreie (nicht automatisch vegane!) Marken benennen, auch wenn die Listen aufgrund unterschiedlicher Kriterien voneinander abweichen können. Du bekommst diese Produkte häufig in ganz normalen Drogerien und Supermärkten.

Ein tierversuchsfreies Produkt ist nicht automatisch vegan: häufig werden darin tierische Stoffe verwendet, zum Beispiel Lanolin (Wollwachs) in Cremes, Karminrot (ein Produkt aus Läusen) in Lippenstiften oder tierisches Glycerin in Lotionen. Einige Produkte sind vegan deklariert, bei anderen findest du den Hinweis nur auf der offiziellen Website. Überlege dir genau, welche Kosmetika du täglich benutzt, ob Rasierschaum, Lotion oder Lippenstift, suche dir im Internet Äquivalente und deren Bezugsquellen heraus und mache dein Badezimmer tierleidfrei. Nach einer Weile weißt du auswendig, welche Produkte noch in den Korb wandern und an welchen Blut klebt. 

Mental wappnen

Die Tiere tun dir eigentlich leid, aber du liebst mittelalten Gouda mehr als die pflanzlichen Alternativen und Naturjoghurt schmeckt dir mit Kuhmilch immer noch am besten? Es gibt eine wirksame Waffe, falls du in der Anfangszeit Angst vor Rückfällen hast oder dich gar nicht erst traust, einen Versuch zu wagen: diese Waffe heißt Wissen.

Wenn du dich aus ethischen Gründen für eine vegane Lebensweise interessierst, mach dir noch einmal deutlich, warum: du willst keine Tierausbeutung unterstützen. Also informiere dich genau, was Eier, Käse und (auch Bio-)Steaks für dich, für deine Umwelt und vor allem für die Tiere bedeuten. Lies Bücher, zum Beispiel Marc Pierschels „Vegan!“, schau dir unsere Rubrik „Warum vegan?“ an und wenn du schlimme Bilder ertragen kannst, sieh dir Videos und Fotos aus der Tierhaltung an, aus der „Eiproduktion“, aus dem Schweinestall, gerne von sogenannten Bio-Höfen. Du wirst danach kein Interesse mehr am mittelalten Gouda haben, auch wenn du nicht auf Anhieb einen veganen Käse findest, der dir mundet.

Mit der Zeit gewöhnt sich dein Geschmackssinn übrigens an die pflanzlichen Alternativen, du vergisst irgendwann, wie der Gouda geschmeckt hat und dir fällt die Sojanote in deiner Milch nicht mehr auf.

Umfeld

Je nachdem, in was für einem Umfeld du dich bewegst, wirst du auf Toleranz, Interesse oder auch totale Ablehnung stoßen. Wichtig ist, dass du dich von den Reaktionen auf keinen Fall beeinflussen lässt: dein Leben, deine Entscheidung. Wenn du noch bei deinen Eltern lebst, erkläre ihnen deinen Entschluss und werbe um Verständnis. Wenn du mitten im Leben stehst und deine Kollegen Sprüche klopfen, bleibe ruhig. Viele Menschen fühlen sich instinktiv in ihrer eigenen Lebensweise angegriffen, wenn der Begriff Veganismus fällt, selbst, wenn du sie nicht angegangen hast. Du wirst lernen, damit zurechtzukommen. Am einfachsten ist es, auf ehrliches Interesse zu reagieren und auf provokative Sprüche gar nicht erst einzugehen, es sei denn, du diskutierst gerne und setzt dich auch mit eher abwegigen Argumenten auseinander – es werden immer die selben sein, die im Dialog mit Fleischliebhabern fallen. Sei ein Vorbild, koche oder backe für dein Umfeld, aber sei nicht zu aggressiv. In der Anfangszeit hast du möglicherweise das Gefühl, den heiligen Gral gefunden zu haben und möchtest alle Menschen daran teilhaben lassen, aber vergiss nicht: du warst vermutlich einmal ebenso ratlos wie dein Umfeld und eine Konfrontation kann heikel sein. Viele Menschen reagieren auf vegane Missionierungsversuche mehr als ungehalten und wollen dann überhaupt nichts mehr hören. Wenn dein Gegenüber sich gerade über ein Steak hermacht, ist es der falsche Zeitpunkt, man wird dir nicht zuhören. Sei feinfühlig und teste aus, wie und wann du deine neue Lebensweise thematisieren kannst. Wenn du dich überheblich aufführst oder Andere wegen ihrer Lebensweise angreifst, wird dir niemand mehr zuhören.

Auswärts essen gehen

Wenn du mit Freunden Essen gehst, schau im Vorfeld, welche Restaurants infrage kommen. Bedenke, dass nicht jedem Koch die Bedeutung des Begriffes „vegan“ so deutlich ist, er ist leider gesetzlich nicht verankert und allzuleicht landen trotz entsprechender Bestellung Fischsauce oder Honig im Gericht. Für Hamburg findest du in unserem Branchenbuch Adressen, für andere Städte weltweit schau auf Happycow nach.

Aktiv für Tierrechte

Wenn du vegan lebst, bist du bereits aktiv für Tierrechte. Aber vielleicht reicht dir das nicht und du möchtest andere Menschen aufklären, auf Demonstrationen aktiv sein oder anderweitige Talente einbringen. In vielen Städten gibt es vegane Gruppen, die sich in der Tierrechtsarbeit engagieren. Schau dich im Internet oder einschlägigen Cafés um und vielleicht findest du eine Gruppe, in die du dich einbringen kannst. Du lernst nebenbei viele andere Veganer kennen, erfährst von Veranstaltungen und bekommst Tipps, über die du im Internet vielleicht nie gestolpert wärst.

Endlich vegan!

Du bist den Schritt gegangen, fühlst dich erleichtert und freust dich auf das, was an veganer Entwicklung kommen mag? Sei stolz, aber nicht überheblich, dass du den Mut hattest, diese Zäsur vorzunehmen. Hilf Anderen, wenn sie Hilfe benötigen, sei ein Vorbild und mach weiter, was du angefangen hast. Die Tiere werden es dir danken.



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